Arbeitsmarkt

12.06.2026

4 Min. Lesezeit

Vier-Tage-Woche im Tech-Unternehmen

Die Debatte um die Vier-Tage-Woche ist politisch aufgeladen. IW-Arbeitsökonom Holger Schäfer bringt die ökonomische Realität auf den Punkt: Mehr Flexibilität ja — weniger Gesamtarbeitsvolumen nein. Was das für Entscheider in Tech-Unternehmen konkret bedeutet.

IW KÖLN · JUNI 2026

Kein Beleg

Kein systematischer Beleg dass weniger
Arbeit produktiver macht

DEMOGRAFISCHER WANDEL

Millionen

Babyboomer verlassen den Markt,
nachrückende Jahrgänge halb so stark

AKTUELLES RECHT

Max. 10h

Tägliche Höchstarbeitszeit in Deutschland — verhindert flexible Modelle

IW FORDERUNG

Mehr

Mehr Gesamtarbeitsvolumen statt weniger,
laut IW Köln dringend nötig

Was IW-Ökonom Holger Schäfer 
am 8. Juni 2026 gesagt hat

Im MDR aktuell-Interview vom 8. Juni 2026 hat IW-Arbeitsökonom Holger Schäfer die aktuelle Vier-Tage-Woche-Debatte nüchtern eingeordnet. Anlass war ein Pflegeheim in Sangerhausen, das mit einer Vier-Tage-Woche positive Erfahrungen gemacht hat, mehr Erholung, höhere Produktivität. Schäfer warnt jedoch davor, dieses Einzelbeispiel zu verallgemeinern.

Sein Kernargument: Das Thema Produktivität ist sehr betriebsspezifisch. Es gibt keinen systematischen Beleg dafür, dass weniger Arbeit automatisch produktiver macht. Die verschiedenen Modellversuche in Deutschland, England und anderen Ländern haben Produktivität als Wertschöpfung pro Arbeitsstunde gar nicht gemessen, was die Schlussfolgerungen entsprechend einschränkt.

Schäfer bringt es direkt auf den Punkt: Eigentlich müssten wir uns überlegen, wie wir den Einzelnen dazu bewegen, mehr zu arbeiten. Wenn uns das nicht gelingt, drohen Wohlstandsverlust und Verteilungskonflikte.

Warum die Vier-Tage-Woche den Fachkräftemangel verschärft

Der demografische Hintergrund ist entscheidend: Millionen von Babyboomern verlassen den Arbeitsmarkt, nachrückende Jahrgänge sind teilweise nur halb so stark besetzt. In dieser Situation weniger zu arbeiten bedeutet: Das ohnehin schrumpfende Gesamtarbeitsvolumen schrumpft weiter. Für Branchen mit Fachkräftemangel und Tech gehört dazu, ist das keine tragfähige Strategie.

Schäfer macht dabei einen wichtigen Unterschied: Das ist kein Argument gegen Flexibilität, es ist ein Argument gegen weniger Gesamtarbeitsvolumen. Wie und wann gearbeitet wird, kann flexibilisiert werden. Wie viel gearbeitet wird, sollte angesichts der demografischen Lage eher steigen als sinken.

Was mit der aktuellen Gesetzgebung möglich ist

Schäfer sieht die aktuelle Tageshöchstarbeitszeit von zehn Stunden als Hindernis für echte Flexibilität. Der Übergang von einer täglichen zur wöchentlichen Höchstarbeitszeit würde die Flexibilität für beide Seiten erhöhen — Betrieb und Arbeitnehmer. Dann wäre es möglich, an einem Tag fünf und am nächsten elf Stunden zu arbeiten. Das geht mit der aktuellen Gesetzgebung nicht.

IW-Direktor Michael Hüther hatte bereits im Mai 2026 in der ARD hervorgehoben: Mehr Flexibilität bedeute auch mehr Sicherheit für Arbeitsplätze. Die geplante Einführung einer Wochenarbeitszeit statt der bisherigen Tageshöchstarbeitszeit ist also ein Schritt in die richtige Richtung, greift aber das Kernproblem des sinkenden Arbeitsvolumens nicht an.

Was das für Tech-Unternehmen 
konkret bedeutet

Flexibilität ja — weniger Stunden nein

Tech-Unternehmen die im Wettbewerb um Talente stehen, können Flexibilität als echten Differenzierungsfaktor nutzen. Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Vertrauensarbeitszeit, projektbezogene Intensivphasen mit entsprechendem Ausgleich, das sind Modelle die Kandidaten ansprechen ohne das Gesamtarbeitsvolumen zu reduzieren. Das ist der Punkt den Schäfer macht: Flexibilisierung ist sinnvoll. Reduktion des Gesamtvolumens ist es nicht.

Vier-Tage-Woche als Recruiting-Argument prüfen

Manche Tech-Unternehmen werben aktiv mit einer Vier-Tage-Woche. Das kann im Wettbewerb um Talente kurzfristig wirken, Schäfers Analyse zeigt aber: Es ist betriebsspezifisch zu bewerten. Für Unternehmen in denen Verfügbarkeit, Kundennähe oder Produktionskapazität entscheidend sind, ist eine Vier-Tage-Woche ohne Stundenreduktion allenfalls eine Umverteilung, keine echte Entlastung.

Personalstrategie auf demografische Realität ausrichten

Die eigentliche Botschaft von Schäfers Interview ist für Entscheider in Tech-Unternehmen relevant: Der Fachkräftemangel wird sich trotz aktueller Konjunkturschwäche strukturell verschärfen. Wer jetzt seine Personalstrategie auf mehr Flexibilität, längere Lebensarbeitszeiten und aktive Direktansprache ausrichtet, ist in zwei bis drei Jahren im Vorteil gegenüber Unternehmen die auf politische Lösungen warten.

Fazit. 
Flexibilität ist kein Ersatz für Volumen

Das IW-Interview vom 8. Juni 2026 liefert eine klare Einordnung: Die Vier-Tage-Woche kann in spezifischen Betrieben funktionieren, als allgemeine Antwort auf den demografischen Fachkräftemangel taugt sie nicht. Für Tech-Entscheider ist die Botschaft eindeutig: Flexibilisierung der Arbeit ist ein legitimes Instrument zur Talentgewinnung. Reduktion des Gesamtarbeitsvolumens in einem Markt mit strukturellem Fachkräftemangel ist ein Risiko.

Quellenangabe

Schäfer, Holger (2026): Längere Arbeitszeiten statt eine Vier-Tage-Woche. Interview im MDR aktuell, veröffentlicht auf iwkoeln.de am 8. Juni 2026. → iwkoeln.de

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